In elf Tagen ist in einem einzigen Themenordner Material entstanden, das ich nachgemessen habe, weil ich es nicht glauben wollte: 31 Dateien, 166.000 Wörter. Das ist der Umfang von zwei Sachbüchern, über ein Feld, das ich zwei Wochen vorher nicht kannte. Nichts davon war falsch und fast nichts davon nutzlos. Trotzdem war der Zustand am Ende der Woche nicht Klarheit, sondern Erschöpfung. Die Recherche hatte alles geliefert außer der Fähigkeit, sie zu benutzen.
Der Engpass ist umgezogen
Die alte Rechnung für Produktarbeit lautete: Herstellen ist teuer, Entscheiden ist billig. Marktschau, Wettbewerbsanalyse, Wirkungsketten, all das kostete Tage. Lag es endlich vor, war die Entscheidung darüber eine Sache von Stunden. Mit einem Agenten kehrt sich das um. Das Herstellen kostet fast nichts mehr. Genau deshalb entsteht zu viel davon.
Was dabei knapp wird, ist nicht Rechenzeit, sondern Prüfzeit. Jedes Dokument, das entsteht, will gelesen, gegen die anderen gehalten und eingeordnet werden. Diese Arbeit skaliert nicht mit. Sie bleibt bei einem Menschen und wächst linear mit dem Berg, den der Agent produziert. Zwei Sachbücher Recherche sind kein Vorsprung, wenn niemand zwei Sachbücher lesen kann.
Zweimal in dieser Woche sind wir an die Grenze dessen gelaufen, was ein Modell an Kontext halten kann. Beide Male war die naheliegende Antwort falsch. Die naheliegende Antwort heißt: mehr Kapazität, neue Sitzung, weiterarbeiten. Die Antwort, die funktioniert hat, war: verdichten. Nicht das nächste Dokument erzeugen, sondern die vorhandenen auf das reduzieren, was trägt.
Eine Kontextgrenze ist keine technische Störung. Sie ist die Stelle, an der auffällt, dass man aufgehört hat zu verstehen und nur noch gesammelt hat.
Drei Dinge, die tatsächlich geholfen haben
Keines davon ist ein Werkzeug oder eine Formulierung. Alle drei sind Eingriffe in den Ablauf.
Das Gespräch statt des Berichts. Eine Stunde im Dialog über eine einzige Frage hat mehr geklärt als drei fertige Dokumente zum selben Thema. Widerspruch entsteht im Gespräch, in einem Bericht steht er nicht.
Die Zusammenfassung ans Ende. Nicht über den Tag verteilt, sondern einmal am Schluss über alles. Wer zwischendurch zusammenfasst, fasst Zwischenstände zusammen und muss es später noch einmal tun.
Verdichten als eigener Auftrag. Zusammenfassen ist eine Aufgabe mit eigenem Ergebnis, kein Nebenprodukt. Sie bekommt einen eigenen Durchlauf, sonst findet sie nicht statt.
Der Unterschied zwischen den dreien und dem, was ich vorher gemacht habe, ist eine Richtungsumkehr. Vorher lief die Arbeit von der Frage zum Material. Jetzt läuft sie vom Material zurück zur Frage, bevor neues Material entsteht.
Vom Berg zum Gesprächsleitfaden
Die Probe darauf, ob Recherche etwas wert ist, kommt beim ersten Kundengespräch. Und dort verhält sich der Berg tückisch: Er liefert genau die Sätze, die man im Interview nicht sagen darf.
Ein gut recherchierter Mensch geht mit Thesen ins Gespräch. Ein gutes Gespräch braucht das Gegenteil. Die Recherche liefert nicht die Fragen, sie liefert die Annahmen, die geprüft werden. Aus einem Wirkungsmechanismus, den ich für plausibel halte, wird keine Frage nach diesem Mechanismus, sondern die Bitte, den letzten echten Fall zu erzählen, in dem er hätte greifen müssen.
Das Erste, was ich in dieser Woche im Gespräch gelernt habe, hat keine Hypothese bestätigt. Es hat die Zielgruppe verschoben. Wer den Zahler sucht statt den Nutzer, findet ihn in einem anderen Segment als dem, für das die gesamte Vorarbeit gemacht wurde. Zwei Wochen Recherche. Der erste Satz eines echten Menschen hat die Grundannahme darunter weggezogen. Genau dafür führt man Gespräche. Genau das kann keine Recherche leisten.
Aus elf Tagen Material wandern am Ende drei Dinge in die Vorbereitung. Alle drei sind kurz.
Die Rolle der Person. Ohne sie geht jede Frage ins Leere, weil dieselbe Frage an einen Entscheider und an einen Anwender zwei verschiedene Fragen sind.
Zwei kippbare Annahmen. Ein Gespräch, das nichts kippen kann, sammelt nur Bestätigung ein. Zwei reichen, mehr passen nicht in eine Stunde.
Die Begriffe des Feldes. Die Wörter, die dort tatsächlich benutzt werden, damit ich nicht in meiner eigenen Sprache frage.
Der Rest bleibt im Ordner. Er war nicht umsonst, denn ohne ihn wüsste ich nicht, welche zwei Annahmen die riskanten sind, aber er gehört nicht mit ins Gespräch.
Praktisch heißt das: Der Leitfaden entsteht nicht aus der Recherche, er entsteht gegen sie. Draußen bleiben Lösungen, Wünsche und jede Formulierung, die eine eigene These schon enthält.
Wofür der Berg trotzdem gut war
Bis hierhin klingt das, als wären elf Tage Material ein Fehler gewesen. Waren sie nicht. Der Berg hat etwas geliefert, was kein einzelnes Dokument liefern kann: eine Intuition für das Feld. Nach zwei Wochen wusste ich, welche Argumente in dieser Branche immer wieder auftauchen, an welchen Stellen die Interessen auseinanderlaufen und welche Produktansätze überhaupt eine Chance haben. Nichts davon steht so in einer Datei. Es entsteht aus der Menge.
Der praktische Unterschied zeigt sich im Termin. Ich bin in sehr kurzer Zeit vom Fragenden zum Gesprächspartner geworden, der über Markt, Produktideen und Wirkungsmechanismen reden kann, ohne dass das Gegenüber bei den Grundlagen anfangen muss. Das ändert, was so ein Termin hergibt. Wer die Sprache und die Konflikte eines Feldes kennt, bekommt die zweite Antwort statt der ersten. Diesen Vorsprung hat der Berg erzeugt.
Kritische Einordnung
Der ehrlichste Einwand: Ein Teil dieser Flut war meine eigene Bestellung. Wer einem Agenten elf Tage lang Aufträge gibt, bekommt elf Tage Ergebnisse. Es ist bequem, das hinterher als Eigenschaft der Technik zu beschreiben. Ein Teil des Bergs wäre nie entstanden, wenn ich vorher hätte sagen müssen, wofür ich das jeweilige Dokument brauche.
Dazu kommt: Die Zahl 166.000 ist ein schlechtes Maß. Sie sagt nichts über Qualität und wenig über Nutzen. Ein Teil des Materials war Zwischenstand, der seine Arbeit getan hat und danach zu Recht liegen blieb. Der Aufwand ist trotzdem real, weil auch ein Zwischenstand gelesen werden will, bevor man ihn als solchen erkennt.
Und die Gegenprobe fehlt. Ich habe nicht geprüft, ob dieselbe Woche ohne KI zu einem schlechteren Ergebnis geführt hätte. Wahrscheinlich zu einem schmaleren, sicher zu einem langsameren. Ob es das bessere gewesen wäre, weiß ich nicht.
Was ich jetzt anders mache
Ich schließe längere Recherche-Sitzungen mit einem eigenen Auftrag ab, der nur zusammenfasst. Nicht als Bitte am Rand, sondern als letzter Arbeitsschritt mit eigenem Ergebnis. Das Dokument, das dabei entsteht, ist inzwischen das einzige, das ich am nächsten Morgen wirklich öffne. Der Block ganz oben ist genau dieser Auftrag zum Mitnehmen.
Ich lege bei Gesprächsvorbereitung die Rolle des Gegenübers fest, bevor eine einzige Frage geschrieben wird. Die Rückfrage dauert eine halbe Minute. Ein Leitfaden, der ohne sie entsteht, ist beim Termin wertlos. Das merkt man erst im Termin.
Und ich behandle eine Kontextgrenze nicht mehr als Störung, die man umgeht, sondern als Signal. Wenn das Material nicht mehr in einen Zusammenhang passt, ist der Zusammenhang das Problem, nicht die Kapazität.
Was bleibt für jeden Tag
Verdichten ist eine Aufgabe, kein Nebenprodukt
Sie bekommt einen eigenen Durchlauf und ein eigenes Ergebnis, sonst findet sie nicht statt.
Die Recherche liefert Annahmen, nicht Fragen
Was ich zu wissen glaube, gehört auf die Prüfliste, nicht in den Leitfaden.
Ein Gespräch schlägt drei Dokumente
Widerspruch entsteht im Dialog. Ein Bericht widerspricht nicht, er liefert.
Quellen
Glossar
Kontextgrenze — die Obergrenze dessen, was ein Modell in einem Arbeitsgang gleichzeitig berücksichtigen kann.
Prüflast — der Aufwand, den Menschen aufbringen müssen, um Ergebnisse eines Systems zu kontrollieren.
Wirkungsmechanismus — die nachvollziehbare Kette, über die eine Maßnahme zu einer Wirkung führt.
Discovery — die Phase der Produktarbeit, in der ein Problem noch untersucht und nicht bereits umgesetzt wird.
Gesprächsleitfaden — der vorbereitete Fragenrahmen für ein Nutzer- oder Kundeninterview.
Agent — ein Sprachmodell, das über mehrere Schritte hinweg Werkzeuge benutzt und Zustand behält.