Der erste Teil hat drei Ebenen sortiert: Kontext legt fest, was ein Modell für einen einzelnen Aufruf sieht, das Harness die Umgebung eines Agenten, der Loop, wer ihn anstößt.1 Das hilft bei der Fehlersuche und beantwortet die drängendere Frage nicht. Wer eine KI-gestützte Funktion beschreiben soll, sitzt vor einem leeren Dokument. Die Ebenen sagen, wo etwas hingehört. Sie sagen nicht, was hineingehört.
Was Spec-Driven Development umdreht
Für diese Lücke gibt es einen Ansatz, der die übliche Reihenfolge umkehrt. Der Gedanke selbst ist alt. Anforderungsdokumente, Design Docs und Design by Contract stellen die Beschreibung seit langem vor die Umsetzung.2 Neu ist nicht der Gedanke, sondern sein Adressat. Die Spezifikation richtet sich nicht mehr an Menschen, die nachfragen können, sondern an Agenten, die es nicht tun.
Vor der Umsetzung steht eine Spezifikation und diese Spezifikation ist nicht der Entwurf der Wahrheit, sondern die Wahrheit selbst. GitHub beschreibt die Verschiebung als Wechsel von „Code ist die Quelle der Wahrheit" zu „Absicht ist die Quelle der Wahrheit" und schlägt einen Ablauf in vier Schritten vor: spezifizieren, planen, in Aufgaben zerlegen, umsetzen.3 Jeder Schritt erzeugt ein Dokument, das den nächsten speist.
Birgitta Böckeler beschreibt das Artefakt genauer: ein strukturiertes, verhaltensorientiertes Dokument in natürlicher Sprache, das Mensch und Agent gemeinsam als Bezugspunkt nutzen.4 Sie unterscheidet drei Ausbaustufen, die oft vermischt werden: Die Spezifikation stößt die Arbeit nur an, sie läuft synchron mit dem Code weiter oder sie ist das einzige Artefakt, das noch von Hand bearbeitet wird. Der Unterschied entscheidet, welches Dokument bei einem Widerspruch gewinnt.
Warum das eine Produktfrage ist
Kief Morris beschreibt drei Haltungen, die ein Team gegenüber einem Agenten einnehmen kann.5
Außerhalb der Schleife. Ein Ziel nennen und das Ergebnis nicht prüfen.
In der Schleife. Jedes Ergebnis einzeln abnehmen. Damit wird der Mensch selbst zum Engpass, weil Agenten schneller erzeugen als Menschen lesen.
An der Schleife. Nicht einzelne Ergebnisse abnehmen, sondern die Spezifikationen und Prüfungen bauen, an denen sich jedes Ergebnis messen lassen muss.
Nur die dritte Haltung skaliert. Sie verschiebt die Arbeit dorthin, wo Produktleute ohnehin arbeiten. Wer an der Schleife steht, schreibt keine Prompts, sondern Bedingungen. Das ist dieselbe Tätigkeit wie das Formulieren einer Definition of Done.
Zwei Dinge ändern trotzdem alles. Die Bedingung greift bei jeder einzelnen Ausführung statt einmal pro Story. Und sie steht vor der Arbeit statt im Kommentarfeld darunter.
Autonomie entsteht nicht dadurch, dass ein Agent mehr darf, sondern dadurch, dass vorher feststeht, woran sein Ergebnis scheitern kann.
Die vier Felder, die eine Spezifikation tragen
Daraus lässt sich ein knapper Satz an Feldern ableiten. Er ist bewusst kurz, weil Vollständigkeit hier kein Qualitätsmerkmal ist. Eine lange Spezifikation erhöht die Prüflast, ohne die Ergebnisse besser zu machen.
| Feld | Beantwortet | Ohne dieses Feld passiert |
|---|---|---|
| Absicht | Was soll gelten, und wogegen argumentiert das Ergebnis | Der Agent liefert etwas Plausibles, das die eigentliche These verfehlt |
| Geltungsbereich | Was gehört dazu und was ausdrücklich nicht | Themenwanderung, der Umfang wächst während der Ausführung |
| Zulieferung | Welche Quellen, Daten und Vorgaben verwendet werden dürfen | Der Agent füllt Lücken mit Plausiblem statt mit Belegtem |
| Abnahmebedingung | Woran das Ergebnis geprüft wird und woran es scheitern darf | Autonomie ist nicht begrenzt, sondern nur unbeobachtet |
Das vierte Feld trägt die anderen drei. Absicht, Geltungsbereich und Zulieferung wirken vor der Ausführung und lassen sich beliebig ausschmücken, ohne dass sich am Ergebnis etwas ändert. Die Abnahmebedingung wirkt danach und korrigiert als einzige den Agenten. Eine ausführliche Beschreibung ohne sie produziert zuverlässig gut aussehende Ergebnisse, die niemand geprüft hat.
Die vier Felder passen auf einen Zettel. In dieser Reihenfolge ausfüllen, bevor die Aufgabe rausgeht, an eine KI wie an einen Menschen.
Ziel
Ein Satz im Präsens, der den Zustand beschreibt statt der Tätigkeit. Bei Bewertungen gehört die Ergebnisform hinein: Optionen mit Empfehlung, nicht die fertige Entscheidung.
Nicht dabei
Zwei bis drei Dinge, die naheliegen und trotzdem draußen bleiben.
Grundlage
Quellen, Daten, Vorgaben. Was fehlt, wird als Lücke benannt und nicht gefüllt, sonst wird es erfunden.
Fertig, wenn
Eine Beobachtung, die das Gegenteil beweisen würde. Sonst ist es kein Kriterium.
Ausgefüllt, erstes Beispiel: ein Rechercheauftrag
Ziel Die Wettbewerbsübersicht zeigt für fünf Anbieter Preis, Zielgruppe und Alleinstellung.
Nicht dabei Bewertung, Empfehlung, Priorisierung.
Grundlage Nur die öffentlichen Preisseiten der fünf Anbieter, mit Abrufdatum.
Fertig, wenn Jede Zahl trägt einen Link auf die Seite, auf der sie steht. Der Link führt tatsächlich dorthin.
Ausgefüllt, zweites Beispiel: ein Gesprächsleitfaden
Ziel Der Leitfaden bringt eine Person dazu, von ihrem letzten echten Fall zu erzählen, in ihrer eigenen Reihenfolge.
Nicht dabei Fragen nach Lösungen, Fragen nach Wünschen und jede Formulierung, die eine meiner Hypothesen schon enthält.
Grundlage Die Rolle der Person und die zwei Annahmen, die das Gespräch kippen könnten. Fehlt die Rolle, wird der Leitfaden nicht gebaut.
Fertig, wenn Keine Frage lässt sich mit ja oder nein beantworten, und keine nennt einen Begriff, den die Person nicht selbst benutzt hat.
Bei diesem Beispiel tut die zweite Zeile weh. Genau deshalb steht es hier. Die eigenen Ideen draußen zu lassen ist die schwerste Zeile, die ein Produktmensch schreiben kann. Ich habe das an einem Dienstag im September gelernt, an dem zwei fertige Leitfäden in den Papierkorb gingen, weil ich die Rolle des Gegenübers nicht mitgeliefert hatte.
Die vierte Zeile ist die einzige, die Arbeit spart. Wer sie nicht hinbekommt, hat noch keine Aufgabe, sondern eine Stimmung.
Und die vierte Zeile hat eine Verschärfung, die leicht zu übersehen ist. Eine Abnahmebedingung, die nur ein Mensch prüfen kann, verschiebt die Prüflast. Sie senkt sie nicht. Die Frage hinter der vierten Zeile lautet deshalb nicht nur „woran scheitert das Ergebnis", sondern „wer stellt das fest, ohne dass ich hinsehe".
Ob jede Zahl einen Link trägt und der Link dorthin führt, prüft ein kleines Skript, bevor ich den Text öffne. Ob ein Text gut belegt ist, prüfe nur ich, jedes Mal neu. Zwei Bedingungen, die dasselbe meinen. Nur eine macht mich frei.
Kritische Einordnung
Der schwerwiegendste Einwand kommt aus der Nachbarschaft. Martin Fowler gibt Kent Becks Kritik wieder: Die Annahme, Anforderungen ließen sich vor der Umsetzung vollständig festlegen, ignoriert, dass beim Bauen Erkenntnisse entstehen, die die Spezifikation verändern würden.6 Wer sie zur alleinigen Wahrheit erklärt, definiert genau dieses Lernen weg. Der Einwand trifft die dritte Ausbaustufe härter als die ersten beiden.
Wann keine Abnahmebedingung
Becks Einwand lässt sich auflösen, aber nicht durch eine bessere Spezifikation. Er lässt sich auflösen, indem man aufhört, alles gleich zu behandeln.
Für wiederkehrende Aufgaben mit bekanntem Ergebnis schreibt man Abnahmebedingungen. Für Erkundung schreibt man Lernziele. Das ist kein Kompromiss zwischen beidem, es sind zwei verschiedene Dokumente für zwei verschiedene Lagen.
Wer eine Discovery mit einer Abnahmebedingung belegt, hat sie zur Lieferung erklärt und bekommt genau das zurück: ein Ergebnis, das die Bedingung erfüllt, und keine einzige Überraschung. Bei einer Wettbewerbsübersicht ist das richtig, bei fünf Nutzergesprächen ein Eigentor. Die Bedingung „drei Muster identifiziert" erzeugt drei Muster, auch wenn keine da sind.
Ein Lernziel sieht anders aus. Es nennt die Annahme, die geprüft wird, und den Satz, der sie kippen würde. Es nennt kein Ergebnis, weil das Ergebnis der Punkt der Übung ist. Geprüft wird nicht, ob geliefert wurde, sondern ob ich hinterher mehr weiß.
Die Unterscheidung ist leicht und wird trotzdem selten getroffen: Weiß ich, wie das Ergebnis aussehen muss? Dann Abnahmebedingung. Will ich es herausfinden? Dann Lernziel. Im Zweifel Erkundung, denn eine überflüssige Bedingung kostet Zeit, eine falsche die Erkenntnis.
Dazu kommen zwei praktische Beobachtungen von Böckeler.4 Die Menge an Spezifikationsdokumenten kann die Prüflast erhöhen statt sie zu senken, weil am Ende jemand alle lesen muss. Und Agenten ignorieren Vorgaben auch dann, wenn diese ausführlich niedergeschrieben sind.
Wie weit sich das treiben lässt, zeigt BMAD-METHOD. Die Werkzeugsammlung verteilt die Arbeit auf benannte Agenten-Personas, darunter einen Product Manager namens John, dessen Arbeitsablauf „create-prd“ heißt.7 Die Produktrolle ist dort als Prompt implementiert. Damit lautet die Frage nicht mehr, wie man eine Spezifikation schreibt, sondern wer für sie geradesteht.
Wie das Feld den Ansatz einordnet
Der schärfste Einwand trifft nicht die Substanz, sondern den Neuheitsanspruch. Brandon Kindred führt den Ansatz auf den Teil des Entwicklungszyklus zurück, den die meisten Organisationen seit Jahren überspringen. Sein Fazit: KI habe Spec-Driven Development nicht erfunden, sondern das Überspringen teuer gemacht.2
Roger Wong8 und Yuval Yeret9 antworten beide auf den Wasserfall-Vorwurf statt auf die Frage, ob der Ansatz trägt.
Der nüchternste Befund kommt aus dem Haus der hier zweimal zustimmend zitierten Quelle. Böckeler arbeitet bei Thoughtworks. Thoughtworks führt den Ansatz im eigenen Technology Radar unter „Assess“ statt unter „Adopt“.10 Das ist die Einstufung für Ansehen, nicht für Einsetzen.
Den Rest sagt das Tempo, mit dem der Ansatz durch die Disziplinen wandert. Das Design beansprucht ihn bereits für sich,11 die Wissenschaft für reproduzierbare Datenanalyse.12 Wer ihn für die Produktarbeit reklamiert, reiht sich ein, statt etwas zu eröffnen.
Der Übertrag in den Produktalltag
Der Ansatz ist nicht auf Softwareentwicklung beschränkt. Für Produktarbeit heißt er: Bevor eine wiederkehrende Aufgabe an eine KI geht, wird sie einmal spezifiziert, mit einer Bedingung, an der das Ergebnis scheitern darf.
Der Aufwand fällt einmal an, die Prüfung dauerhaft weg. Eine Spezifikation, die einmal geschrieben und danach nachgeschärft wird, ersetzt die Rückfragen aus jedem Durchlauf. Der Bruch liegt dort, wo sie nur im Kopf existiert oder in einem Dokument, das niemand findet.
Die Bedingung gehört vor die Arbeit, nicht dahinter. Eine Abnahmebedingung, die erst formuliert wird, wenn das Ergebnis vorliegt, ist keine Bedingung, sondern eine nachträgliche Begründung.
Was bleibt für jeden Tag
Erst die Abnahmebedingung, dann die Beschreibung
Wer nicht sagen kann, woran ein Ergebnis scheitern darf, hat keine Aufgabe formuliert, sondern einen Wunsch.
Prüfbar heißt: es gibt eine Beobachtung, die sie verletzt
Der Test funktioniert auch für menschliche Abnahmen und deckt schwammige Kriterien in Sekunden auf.
Und dann die Gegenprobe: ist das hier überhaupt eine Lieferung?
Wenn ich noch nicht weiß, wie das Ergebnis aussehen muss, brauche ich kein Kriterium, sondern ein Lernziel.
Die Spezifikation ist kein Ersatz für das Prüfen
Sie macht das Prüfen möglich und billig. Wer sie schreibt und dann nicht hinsieht, hat den Aufwand umsonst betrieben.
Quellen
- Scharffetter, L. (2026). Kontext, Harness, Loop. Drei Ebenen, die Produktteams gerade durcheinanderbringen. linja.me (Teil 1 dieses Zweiteilers).
- Kindred, B. (2026). Same Patterns, New Hype: Spec-Driven Development. Medium, 20. April 2026.
- Delimarsky, D. (2025). Spec-driven development with AI: Get started with a new open source toolkit. The GitHub Blog, 2. September 2025.
- Böckeler, B. (2025). Understanding Spec-Driven-Development: Kiro, spec-kit, and Tessl. martinfowler.com, 15. Oktober 2025.
- Morris, K. (2026). Humans and Agents in Software Engineering Loops. martinfowler.com, 4. März 2026.
- Fowler, M. (2026). Fragments: January 8. martinfowler.com, 8. Januar 2026. (Gibt Kent Becks Einwand gegen vorab vollständige Spezifikationen wieder.)
- BMad Method (o. J.). Agents. Projektdokumentation, bmad-code-org/BMAD-METHOD. Abgerufen am 16. September 2026.
- Wong, R. (2026). Spec-Driven Development: It Looks Like Waterfall (And I Feel Fine). rogerwong.me, 4. März 2026.
- Yeret, Y. (2026). Is Spec-Driven Development a Step Forward or Back? yuvalyeret.com, 5. Juni 2026.
- Thoughtworks (2025). Spec-driven development. Technology Radar Vol. 34, November 2025, Ring „Assess“.
- Härkönen, T. (2026). Faster prototypes miss the point: The case for spec-driven design. futurice.com, 11. August 2026.
- Chen, C., Luo, B., Li, N., Wang, B., Yang, H., Guo, J. & Xu, M. (2025). Spec-Driven AI for Science: The ARIA Framework for Automated and Reproducible Data Analysis. arXiv:2510.11143, 13. Oktober 2025.
Glossar
Spec-Driven Development — Arbeitsweise, bei der eine Spezifikation vor der Umsetzung steht und als verbindliche Quelle gilt.
Spezifikation — strukturiertes Dokument in natürlicher Sprache, das beschreibt, was gelten soll, nicht wie es hergestellt wird.
Abnahmebedingung — vorab formuliertes, prüfbares Kriterium, an dem ein Ergebnis scheitern kann.
Definition of Done — im agilen Arbeiten die verbindliche Liste, wann eine Aufgabe als fertig gilt.
Agent — ein Sprachmodell, das über mehrere Schritte hinweg Werkzeuge benutzt und Zustand behält.
Harness — alles an einem KI-Agenten, was nicht das Modell ist: Werkzeuge, Rechte, Zustand, Prüfungen.
Loop — das System, das einen Agenten wiederholt anstößt, prüft und weiterlaufen lässt.
Kontext — die Informationen, die ein Modell für einen einzelnen Aufruf sieht.
Agentische KI — KI-Systeme, die eigenständig Handlungsschritte ausführen statt nur zu antworten.
Prüflast — der Aufwand, den Menschen aufbringen müssen, um Ergebnisse eines Systems zu kontrollieren.
Lernziel — Gegenstück zur Abnahmebedingung: benennt die Annahme, die geprüft wird, und den Befund, der sie kippen würde, statt ein Ergebnis vorzugeben.
Discovery — die Phase der Produktarbeit, in der ein Problem noch untersucht und nicht bereits umgesetzt wird.
Design by Contract — Entwurfsprinzip, bei dem ein Bauteil vorab zusichert, was es erwartet und was es garantiert.
RFC — Request for Comments: Vorschlagsdokument, das eine geplante Änderung beschreibt und zur Kommentierung stellt.
PRD — Product Requirements Document: das klassische Dokument, in dem Produktanforderungen festgehalten werden.
Technology Radar — halbjährliche Einordnung von Technologien durch Thoughtworks in die Ringe Adopt, Trial, Assess und Hold.