Um neue Geschäftsmodelle und Produktideen zu entwickeln, braucht es eine gründliche Marktrecherche. Design Thinking als Arbeitsmethode hilft dabei, mit guten Werkzeugen den Blick für den Problemraum zu weiten. KI kann dabei helfen, diesen Raum schneller zu durchforsten und Markt, Wettbewerb und bereits funktionierende Mechanismen in Rekordzeit zu durchdringen.
Doch das kann schnell zu einer Herausforderung werden, bei der der Mensch den Überblick verliert. Denn KI erledigt die Recherche im ersten Diamanten des Design Thinking1 in einer Geschwindigkeit, die kein Team erreicht. Am Ende steht ein Fundus an Informationen, der für einen einzelnen Menschen so breit und so undurchdringlich ist, dass er nicht hilft, sondern hindert.
Wenn das Versprechen ist, alle existierenden Probleme, Wettbewerber und Marktmechanismen zu kennen, müsste der Mensch wirklich alles lesen, was die KI ihm bereitstellt. Das ist in kurzer Zeit unmöglich.2 Schnell führt das dazu, dass der Mensch die Ergebnisse durchwinkt, ohne sie wirklich zu verstehen. Dann entsteht am Ende ein Produkt auf ungeprüften Annahmen, das vielleicht gar kein Disruptionspotenzial hat. Und das ist doch das eigentliche Ziel von Innovation.
Eine KI darf so breit sammeln, wie sie will. Was davon zählt, entscheide ich.
Das Produkt ist offen, der Zweck nicht
Ich brauchte schnell einen Rundumblick über Kundenprobleme, Markt, Wettbewerb und Wirkungsmechanismen. Die Zeit war knapp, die Produktidee unklar und ein KI-Agent ist stark im schnellen Recherchieren. Also habe ich ihn mit einem möglichst breiten Suchauftrag losgeschickt: fundiert, mit vielen Sub-Agenten und doppelter Quellenprüfung. Doch das Ziel war unscharf. Wo noch keine Produktidee als Bezugspunkt feststeht, kann jede Information relevant sein.
So hat ein Vergleich über viele Ländermärkte in einer Woche mehr Material erzeugt, als ich lesen konnte. Ich stand vor der Entscheidung, alles genau zu lesen oder es blind durchzuwinken. Die KI hat gründlich gearbeitet, mein Arbeitsrahmen ist gut aufgebaut. Aber wenn ich die Entscheidung dem Agenten überlasse, was ist dann noch mein Anteil an der Produktentwicklung? Traue ich ihm zu, die Erkenntnisse im Hinblick auf eine disruptive Produktinnovation zu bewerten und zwischen den Zeilen zu lesen? Meine Antwort: nein. KI baut auf dem auf, was schon existiert, und übersieht möglicherweise genau die Lücke, die ich finden würde. Außerdem verliere ich so die Ownership für das Recherche- und damit auch für das Produktergebnis.
Also habe ich geschaut, was fehlt, um die Ergebnisse sauber zu bewerten und selbst Ableitungen zu ziehen. Die Antwort war simpel und komplex zugleich. Ich konnte nicht sagen, welches Produkt am Ende herauskommt, denn für eine neue Idee gibt es noch kein Produkt zum Gegenprüfen. Was ich aber hätte sagen können: wozu ich die Recherche brauche. Ich wollte aus jedem Markt ableiten, was sich auf andere übertragen lässt, und die Märkte so gut verstehen, dass daraus eigene Ideen entstehen. Dieser Satz stand nirgends. Lautet der Auftrag salopp „recherchiere mal möglichst breit“, recherchiert die KI eben möglichst breit und überholt sich dabei selbst.
Festlegen konnte ich außerdem den Rahmen, in den der Agent sein Wissen einliefert. Die Produktidee entsteht verlässlich erst nach der Recherche, auch wenn meine Intuition mir schon vorher einige Ideen in den Kopf gepflanzt hat. Weil in dieser Phase aber laufend neues Wissen dazukommt, muss sich der Rahmen iterativ an den Ergebnissen ausrichten, in kleinen Paketen. In die Spezifikation einer Erkundung gehört deshalb ein Lernziel statt eines fertigen Abnahmekriteriums.3
Erst ein Exemplar, dann alle
Mein Fehler lag in der Reihenfolge. Zuerst hat die KI alle Länder parallel als Entwurf vorbereitet, bevor ein einziges Exemplar abgenommen war. Jede spätere Formentscheidung musste an vielen Stellen nachgezogen werden. Am besten funktioniert hat am Ende ein iteratives Zusammenspiel von KI und mir.
So bin ich bei der Länderrecherche vorgegangen.
Ein Land zuerst. Ausreichend Informationen zu einem der Ländermärkte sammeln.
Am fertigen Ergebnis prüfen. Das erste Rechercheergebnis gleich in seiner finalen Darstellung bauen, wie einen Prototyp, und daran prüfen, ob es trennscharf trägt. Erst dann wird das Schema auf den Rest übertragen.
Lücken für alle schließen. Wissenslücken am ersten Land definieren und vom KI-Assistenten für alle Ländermärkte nachrecherchieren lassen.
Exemplar finalisieren. Das Ergebnis für den ersten Ländermarkt fertigstellen.
Schema übertragen. Die Ergebnispräsentation für alle Ländermärkte nach diesem Design erstellen lassen.
Land für Land prüfen. Besonderheiten und Mechanismen verstehen und dabei selbst die Highlights festlegen.
Design-Check über alle. Unterschiede in Darstellung und Ausrichtung angleichen, damit alle Onepager wie aus einem Guss aussehen.
Highlights verdichten. Eine Präsentation über alle Märkte hinweg bauen, aus den Highlights, die ich selbst festgelegt habe.
Produktideen ableiten. Die Highlights nutzen, um Produktideen weiterzuentwickeln.
Herausgekommen sind detaillierte Onepager pro Land als fertige Inkremente und ein intensives Verständnis jedes Markts. Genau das brauche ich als Basis für Produktideen. Den letzten Schliff übernimmt die KI sehr gut. Geprüft habe ich vorher trotzdem jedes Land einzeln.
Eine KI baut nicht von selbst auf Bestand auf
Die Fülle an Wissen ließ sich nicht in einer Session bewerten. Auch die Frage, wie sich die Ergebnisse zusammenfassen lassen, braucht mehrere Anläufe: am Montag eine Session, nicht fertig geworden, am Mittwoch die nächste.
Bekommt der Agent keinen Hinweis, vorhandene Ergebnisse oder Formate zu verwenden, erzeugt er neue. So wurde das Problem immer größer. Ich hatte nicht nur zu viel Wissen zu bewerten, sondern auch mehrere Ansätze, wie das Ergebnis aussehen und was es hervorheben soll, samt neuem Wissen, das wiederum geprüft werden wollte. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich diese Fragen nicht längst beantwortet hatte. An diesem Punkt wird es maximal ineffizient, obwohl KI uns doch so schön effizient machen kann.
Der Grund ist banal. Jede Sitzung beginnt ohne Erinnerung an die vorige, das einzige Gedächtnis sind die Dateien. Zum selben Land lagen am Ende sechs Arten von Dokumenten nebeneinander: Recherche, Vergleich, Länderseite, Länderprofil, Layout-Entwürfe, Onepager. Für eine KI, die in diesen Ordner schaut, ist nicht erkennbar, welches davon gilt. Neu anfangen ist für sie der kürzere Weg, als dreißig Dateien zu lesen und zu raten, welche überholt sind.
Kritische Einordnung
Mein Nein ist eine Momentaufnahme. KI-Agenten werden besser darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Vielleicht traue ich ihnen in einem Jahr zu, was ich ihnen heute nicht zutraue. Die Frage nach der Ownership bleibt trotzdem, denn sie ist keine Frage der Fähigkeit, sondern der Verantwortung. Wer eine Produktidee vertritt, muss erklären können, warum sie trägt.
Iterativ kostet außerdem Zeit. Neun Schritte mit mir in der Schleife sind langsamer als ein einziger großer Auftrag. Bis zum fertigen Ergebnis stimmt das, bis zum Verstehen nicht. Nach fünf Tagen konnte ich auf Augenhöhe über Markt und Produktansätze diskutieren. Einige Wochen später hatte ich Übersichten über alle Märkte, die zu denselben Ableitungen kommen wie die Gespräche mit Kollegen. Daraus sind drei starke erste Produktideen entstanden, jede mit Belegen dafür, wie sie anderswo schon funktioniert.
Und die Regel gab es schon. Lernziel statt Kriterium stand seit Wochen in meinen eigenen Anweisungen, aber nur für das Zuschneiden von Aufgaben, nicht für das Herstellen von Inhalten. Bei einer Bitte, die nach Kleinkram klang, hat sie niemand angewendet. Schließlich erzeugt die Lösung neue Pflege: Eine Datei, die festhält, welches Dokument gilt, ist nur so gut wie ihr letzter Stand.
Wie ich es nächstes Mal besser machen will
Die Stand-Datei läuft seit Kurzem, die anderen drei Änderungen setze ich beim nächsten Rechercheauftrag ein. Ob sie tragen, zeigt sich erst dann.
Erst der Zweck. Vor jeder Erkundung fragt die KI, wozu ich die Recherche brauche. Habe ich keine Antwort, schlägt sie zwei bis drei vor.
Ein Exemplar, dann das Schema. Erst ein Land vollständig, dann die Abnahme, dann der Rest. Die Lücken, die das erste Exemplar zeigt, werden für alle nachrecherchiert.
Eine Stand-Datei je Thema. Sie sagt in wenigen Zeilen, welche Dokumente gelten und was entschieden ist. Jede Sitzung liest sie zuerst und aktualisiert sie zuletzt.
Die Highlights setze ich. Die KI darf Auffälligkeiten markieren, was zählt, entscheide ich nach eigener Prüfung. Den Design-Check übernimmt sie erst danach.
Was bleibt für jeden Tag
Den Zweck vor die Form
Wozu du recherchierst, lässt sich fast immer vorab sagen. Welches Produkt herauskommt, oft nicht.
Ein fertiges Exemplar schlägt jedes Schema
Die Vorlage entsteht am ersten abgenommenen Stück, nicht vor dem ersten Entwurf.
Das Urteil bleibt bei dir
Die KI darf breit sammeln. Was davon zählt, entscheidest du.
Gedächtnis ist eine Datei
Eine KI baut auf Bestand nur auf, wenn irgendwo steht, welcher Bestand gilt.
Quellen
- Design Council. The Double Diamond. designcouncil.org.uk.
- Scharffetter, L. (2026). Recherche ist billig geworden. Verstehen nicht. Was gegen die Ergebnisflut aus KI-Recherche hilft. linja.me.
- Scharffetter, L. (2026). Die Spezifikation ist der Rahmen. Was Produktteams aufschreiben müssen, damit KI allein arbeiten darf. linja.me.
Glossar
Erkundung — Arbeit, deren Ergebnisform erst während der Arbeit klar wird.
Lernziel — was man nach einer Erkundung entscheiden oder tun können will, an Stelle eines Abnahmekriteriums.
Exemplar — ein einzelnes, vollständig fertiges Stück eines Ergebnisses, aus dem das Schema für die übrigen abgeleitet wird.
Inkrement — ein fertiges Teilergebnis, das für sich allein nutzbar ist.
Ownership — die Verantwortung für ein Ergebnis, die man nur behält, wenn man es selbst versteht und beurteilen kann.
Stand-Datei — kurzes Dokument je Thema, das festhält, welche Dateien gelten und was entschieden ist.
Double Diamond — Prozessmodell des Design Council mit zwei Phasen aus Öffnen und Eingrenzen, erst für das Problem, dann für die Lösung.