Die meiste Zeit, die wir in KI-Zusammenarbeit investieren, fliesst nicht in Prompts, sondern in Kontext: Regeln, Arbeitsstil, Projekthistorie, Dateien, die die KI kennen muss. Teresa Torres hat kürzlich beschrieben, wie sie diesen Kontext über Geräte hinweg teilt. Die Erkenntnis dahinter ist einfach, aber folgenreich: Kontext und Skills sind die Investition. Das Teilen über Geräte und Teams hinweg ist die Infrastruktur. Wer diese Infrastruktur nicht baut, investiert bei jedem neuen Gerät und jeder neuen Session von vorne.
Das Infrastruktur-Problem
KI-Tools wie Claude Code speichern Kontext lokal: CLAUDE.md-Dateien, Skills, Memory, Projektregeln. Das funktioniert auf einem Gerät, aber sobald ein zweites dazukommt (Arbeitslaptop, privater Rechner, Tablet), bricht die Kontinuität. Absolute Dateipfade funktionieren nicht geräteübergreifend. Skills liegen standardmässig in ~/.claude, einem Verzeichnis, das die meisten Sync-Tools ignorieren. Und auf iOS (wo Obsidian seine Vaults über iCloud oder Obsidian Sync verwaltet) gibt es kein Git, keine Symlinks, keinen Terminal-Zugriff.
Torres beschreibt drei Lösungsansätze, die unterschiedliche Trade-offs haben. Dropbox mit Symlinks: funktioniert zwischen Macs, scheitert an iOS. Git mit einem versionierten Repository: volle Kontrolle, aber manueller Sync (Pull/Push), Merge-Konflikte bei gleichzeitiger Bearbeitung, und auf iOS ohne Third-Party-Apps nicht nutzbar. Obsidian Sync als dritter Weg: einfach, automatisch, funktioniert auf allen Geräten inklusive iOS, nutzt relative Pfade innerhalb des Vaults. Der Nachteil: kein Versionshistorie im Git-Sinne, weniger Kontrolle über den Sync-Zeitpunkt.
Obsidian Sync als pragmatische Wahl
Torres argumentiert, dass Obsidian Sync für die meisten Anwenderinnen der richtige Weg ist, weil es die Komplexität radikal reduziert. Keine Git-Befehle, keine Symlink-Pflege, keine Merge-Konflikte. Notizen, Kontext-Dateien und über Plugins auch KI-Skills synchronisieren sich automatisch über alle Geräte, und die relativen Obsidian-Links funktionieren überall gleich.
Der Wert liegt nicht in den KI-Tools. Er liegt im Kontext, den du ihnen gibst, und in der Fähigkeit, diesen Kontext zu teilen.
Für Teams geht es über individuelle Sync hinaus: Wenn mehrere Personen mit derselben KI arbeiten (etwa in einem Produkt-Team), braucht der geteilte Kontext eine eigene Infrastruktur. Shared CLAUDE.md-Dateien, Team-Skills, gemeinsame Regeln. Torres sieht hier den nächsten Schritt: nicht nur persönlichen Kontext synchronisieren, sondern Team-Kontext als gemeinsame Ressource pflegen.
Obsidian Sync
Einfach
Automatisch, funktioniert auf iOS, relative Pfade, keine Merge-Konflikte. Ideal für Einzelpersonen und kleine Teams.
Git
Volle Kontrolle
Versionshistorie, Branching, Code-Review. Aber: manueller Sync, Merge-Konflikte, kein iOS-Support ohne Workarounds.
Mein eigener Vault-Ansatz im Vergleich
Mein KnowledgeOS läuft auf Git: ein Obsidian-Vault in einem privaten Repository, versioniert, mit Submodulen für öffentliche Projekte (CV-Site, Blog). Das gibt mir volle Kontrolle über die Historie, ermöglicht Code-Workflows (GitHub Pages für Deploy, Claude Code direkt am Repo) und hält alles in einem System. Der Preis: kein automatischer Sync, kein iOS-Zugriff auf den Vault ohne Git-Client, und absolute Pfade in CLAUDE.md, die nur auf meinem Mac funktionieren.
Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ich an ein paar Stellen unbewusst andere Entscheidungen getroffen habe — nicht aus besserem Wissen, sondern weil sich mein Setup über die Zeit so entwickelt hat. Torres legt ihren Kontext im Wesentlichen in einer grossen CLAUDE.md ab. Bei mir hat er sich auf vier Schichten verteilt, sortiert danach, wann Claude sie überhaupt zu sehen bekommt:
| Schicht | Wo | Wann geladen | Beispiel |
|---|---|---|---|
| CLAUDE.md | Repo-Root | Automatisch, jede Session | Vault-Regeln, aktive Projekte |
| Rules | 00_SYSTEM/01_RULES/ |
Bei Bedarf, per Verweis | Writing Style Guide, Job-Search-Rules |
| Skills | .claude/skills/ |
Auf Aufruf, per Slash-Befehl | /checkin, /checkout, /artikel |
| Memory | .claude/projects/…/memory/ |
Über Sessions hinweg | Kollaborationsmuster, Feedback |
Das Schöne daran: meine CLAUDE.md bleibt kurz, die Lade-Kosten niedrig — als Nebenprodukt einer Trennung nach Lade-Semantik, nicht als Optimierung.
Claude Code App als Sweet Spot für unterwegs
Bei mir ist noch ein vierter Weg dazugekommen, den Torres nicht beleuchtet: Wenn der Kontext zentral im Repo lebt, muss ich ihn nicht auf jedes Gerät syncen. Ich brauche nur einen Weg, von jedem Gerät aus auf das Repo zuzugreifen. Genau das löst die Claude-App am iPhone im Claude-Code-Modus für mich. Ich öffne die App, wähle das angebundene Repo, gebe Claude in Alltagssprache einen Auftrag — und Claude arbeitet direkt auf den Dateien meines KnowledgeOS, mit voller Kenntnis der CLAUDE.md und der gesamten Struktur. Im Hintergrund läuft das in einer Sandbox, das Ergebnis kommt als Commit oder Pull Request zurück. Mein iPad braucht keinen Vault-Zugriff, mein iPhone keinen synchronisierten CLAUDE.md-Hash. Beide brauchen nur die Möglichkeit, Claude einen Auftrag zu geben. Der Kontext bleibt da, wo er hingehört: im versionierten Repo, einmal gepflegt, von überall aus nutzbar.
Das ist eine andere Designentscheidung als Torres' Sync-Modell, kein besserer Weg. Torres optimiert auf derselbe Kontext auf jedem Gerät. Ich optimiere auf eine Wahrheit im Repo, Remote-Agents davor. Beides löst das gleiche Problem, nur an einer anderen Stelle. Spannend zu sehen, wie unterschiedlich man dieselbe Frage beantworten kann, wenn die Ausgangslage eine andere ist.
Was ich verändert habe
Torres' Artikel hat mir nicht meine Architektur in Frage gestellt — die Claude-App-Anbindung löst das Geräte-Problem auf einem anderen Weg, und das passt für mich. Aber zwei konkrete Dinge nehme ich mit. Erstens: Ich gehe meine CLAUDE.md systematisch auf absolute Pfade durch, die nur auf meinem Mac funktionieren, und ersetze sie durch relative. Sonst bricht der Kontext jedes Mal, wenn ich in einem Worktree oder auf einem anderen Rechner arbeite. Zweitens — und das kam beim Schreiben dieses Artikels als zweite Einsicht: Ich habe meine Skills sortiert. Beim näheren Hinsehen waren es zwei Sorten, die ich unbewusst gemischt hatte: Workflow-Commands, die Vault-Dateien brauchen (/checkin, /artikel), und Methoden-Skills, die auf jedem Input laufen (/rice, /jtbd). Workflow-Commands bleiben im Vault-Repo, Methoden-Skills wandern nach ~/.claude/skills/ user-global. Damit sind sie in jedem Projekt verfügbar, ohne Symlinks oder Sync. Torres' Symlink-Pool hätte das gleiche Problem gelöst; der Split ist die einfachere Antwort. Langfristig denke ich über geteilte Kontext-Dateien für Team-Zusammenarbeit nach, etwa wenn mehrere Personen an einem Projekt arbeiten und dieselben KI-Regeln nutzen sollen.
Obsidian Sync ist für mich keine Alternative zu Git, sondern könnte es ergänzen — aber für einen anderen Zweck: Notizen am iPhone lesen und festhalten, nicht KI-Kontext syncen. Das sind zwei verschiedene Probleme, und ich will sie nicht in eine Lösung quetschen.
Kritische Einordnung
Obsidian Sync löst das Problem für Einzelpersonen, aber nicht für Teams mit unterschiedlichen Toolchains. Nicht alle arbeiten in Obsidian, nicht alle nutzen Claude. In gemischten Teams braucht geteilter KI-Kontext ein Format, das tool-agnostisch ist (Markdown-Dateien in einem Shared Drive, etwa). Ausserdem: Der Aufwand für Kontext-Pflege kann zum Selbstzweck werden. Torres warnt implizit davor, mehr Zeit in die Infrastruktur zu investieren als in die eigentliche Arbeit. Die Frage bleibt, ob die KI-Tool-Landschaft sich so stabilisiert, dass sich langfristige Infrastruktur-Investitionen lohnen. Was bleibt, sind gut strukturierte, KI-lesbare Markdown-Dateien und gute Regelwerke, die auch andere KIs lesen können.
Was bleibt für jeden Tag
Investiere in Kontext, nicht in Prompts.
Die CLAUDE.md, die deine Arbeitsweise beschreibt, ist wertvoller als jeder einzelne Prompt.
Mach deinen KI-Kontext portabel.
Relative Pfade, modulare Skills, geräteübergreifender Sync. Jede Minute spart zehn.
Denke Team-Kontext mit.
Wenn andere deine KI-Regeln nutzen sollen, brauchen sie ein Format, das nicht an dein Setup gebunden ist.
Quellen
Glossar
CLAUDE.md — Konfigurationsdatei, die Claude Code bei jedem Session-Start automatisch liest
Skills — Wiederverwendbare KI-Workflows, gespeichert als SKILL.md-Dateien
Symlink — Symbolischer Link: Verknüpfung, die auf eine Datei an anderem Ort verweist
Obsidian Sync — Verschlüsselter Sync-Dienst für Obsidian-Vaults über alle Geräte
KnowledgeOS — Persönliches Wissensmanagementsystem in Obsidian (Linjas Vault)
KI-Kontext — Gesamtheit aus Regeln, Memory, Skills und Projektdateien, die eine KI kennt